DER BLAUE VOGEL BERLIN – FILM

Für die unbekannten Reisenden im virtuellen wie im analogen Zuschauerraum, vor und hinter der Kamera.

Lange sah es so aus, als seien Mythen etwas aus uralter, längst vergangener Zeit. Doch jetzt scheinen sie sich unsere Gegenwart zurückzuholen.

Nach dem Träumen kommt das Handeln. Für die Vielfalt. Für die Demokratie. Für die Freiheit, die Verantwortung für andere Menschen und die Natur bedeutet.

Die Flugtätigkeit des Blauen Vogels wird ausgeweitet. Er fliegt ab sofort zwischen Osten und Westen, Norden und Süden. Er wird von überall Geschichten sammeln, die noch nicht erzählt worden sind, die nicht vergessen werden dürfen.

Der Blaue Vogel landet, wo kein GPS ihn orten kann, er ist von keinem Algorithmus erfassbar und fliegt ohne Rücksicht auf die von uns gezogenen Grenzen. Er kümmert sich nicht darum, wer gerade oben und wer unten ist. Er kennt keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern, den Hautfarben, zwischen Kranken und Gesunden. Für ihn ist etwas anderes wichtig.


Das Land, das dem Blauen Vogel gehört, ist schwer zu orten. Vielleicht wird es dieses Land niemals auf einer Landkarte geben, weil es sich allein über die Vorstellungskraft der Menschen zusammensetzt.

Der Blaue Vogel ist keine romantische Erscheinung, die leicht über den Köpfen flattert. Er verlangt etwas Schwieriges. Er fordert, dass wir unsere Reisen in eine andere Zone verlegen, dorthin, wo es mühsam ist zu reisen, wo möglicherweise Entbehrungen warten, genauso wie große und herausfordernde Abenteuer. Eine Reiseroute gibt es nicht für die Flüge mit dem Blauen Vogel. Diese Reisen können überall stattfinden. Es kommt ganz auf den einzelnen Menschen an.

Aber eines ist allen Reisenden im Land des Blauen Vogels gemeinsam: Sie erschaffen neue, zukunftstaugliche Geschichten und Bilder. Sie schaufeln die alten Verbindungswege frei zwischen den Menschen, die sich fremd geworden sind durch Nationalismus und Ideologie, indem sie die Geschichten wieder aufnehmen, die allen Menschen gemeinsam gehörten. Und sie erinnern daran, dass es besser ist, als einzelner Mensch Größe zu zeigen, statt die Größe einer Nation zu beschwören.


Wenn es einem Menschen gelingt, den Anfang einer alten Geschichte wieder zu finden oder einen liegengelassenen Faden wieder zu verknüpfen, könnte es sein, dass dieser Mensch ohne es zu wissen im Land des Blauen Vogels unterwegs ist. Vielleicht schreibt sie oder er dann gerade die gemeinsame Geschichte von Völkern, die in der Gegenwart scheinbar wenig miteinander zu tun haben, für die Zukunft fort.

Vielleicht ist das Land, über dem der Blaue Vogel fliegt, gar nicht so fern, auch wenn es ein nicht betretbares Land, eine Utopie ist.

Der Blaue Vogel Berlin Film produziert und unterstützt Filmprojekte, die den Blick weiten über nationale und ideologische Grenzen hinaus und die gegen Angst und Feindschaft die Begeisterung für den anderen, unbekannten Menschen setzen.


DER BLAUE VOGEL - GESCHICHTE:

Das Motiv des Blauen Vogels taucht zum ersten Mal nachgewiesen um 1175 in den Versnovellen (Lais) von Marie de France – Lai von Ywenee – auf. Zu dieser Zeit erlebte Europa einen zivilisatorischen Entwicklungsschub durch die von den Kreuzzügen Zurückgekehrten, die aus der arabischen Welt unter anderem Gewürze, Gemüse, Rosen und Geschichten mitbrachten. Gut möglich, dass dabei auch der Blaue Vogel aus der orientalischen Welt nach Europa gelangte. Als nächstes taucht der Blaue Vogel in der Barockzeit bei der Gräfin Marie-Catherine Barone d’Aulnoy (1650 – 1705) auf. Ihr Märchen „Der Blaue Vogel“ inspirierte Peter Tschaikowsky (1840 – 1893) rund 200 Jahre später zu seinem „Pas de Deux der Blauen Vögel“ in dem 1890 uraufgeführten Ballett „Dornröschen“.

1908 schrieb der belgische Autor Maurice Maeterlinck (1862 – 1949) das Theaterstück „Der Blaue Vogel“, eine wundersame Geschichte über die Macht der Vorstellungskraft. Durch die Inszenierungen von Konstatin Stanislawski (1863 – 1938) und Wsewolod Meyerhold (1874 – 1940) am Moskauer Künstlertheater wurde der „Blaue Vogel“ schnell zum Liebling des Moskauer Publikums. 1912 brachte Max Reinhardt die deutsche Erstaufführung am Deutschen Theater Berlin heraus.


Als 1921 Igor Jushny in Berlin sein „Cabaret Der Blaue Vogel“ eröffnete, hatte er sicher die Begeisterung für diesen Vogel, der manchmal auch in der Gestalt einer einfachen Stadttaube vorbeifliegen kann, aus Moskau im Gepäck. Jushny, der nach eigenem Bekunden 1920 in Moskau gestorben und 1921 in Berlin geboren ist, bot auf einer kleinen Bühne in der Goltzstrasse 9 in Berlin-Schöneberg Welttheater im Taschenformat. Vom „Blaue Vogel-Jäger“ Kurt Tucholsky bis Else Lasker-Schüler inspirierte es viele Künstler und riss das Publikum zu Begeisterungsausbrüchen hin.

1924 ging der „Blaue Vogel“ auf Tournee in die USA, wo ein Teil der Mitwirkenden vermutlich hängen blieb. Der heraufziehenden Bedrohung durch die Nationalsozialisten ist Jushnys „Blauer Vogel“, der viele jüdische Mitwirkende beschäftigte, auf diese Weise rechtzeitig entkommen.

Neben den Kostümentwürfen Natalia Gontscharowas und einigen wenigen anderen Zeugnissen ist vom Blauen Vogel der 1920er Jahre heute leider nur wenig überliefert. Elena Liessner-Blombergs Entwurf für den Bühnenvorhang haben wir hundert Jahre später in Erinnerung an die Malerin, die 1897 in Moskau geboren wurde und 1975 in Berlin starb, für das Logo des neuen Blauen Vogels animiert.


„...Sie opfern für eine Miniature nicht weniger Zeit, Arbeit und Geist als für ein ganzes Schauspiel nötig wäre, - alles nur, um einige Minuten lang durch Licht, Gestus, Farbe, Bewegung, Ton die Sinne, die Seele zu fesseln.“ Ferdinand Haager 1924

„Berlin, Hauptversammlung aller grauen Vögel, versucht seit der Bejubelung des „Blauen Vogels“ auf wilden Bühnen und auf dem Wege des Größenwahns farbenfroh und romantisch zu werden. Aber es ist ein Unterschied zwischen einem von Natur aus leuchtenden Vogel und einem Spatzen, der einmal in einen grellen Farbtopf geworfen wurde...“ Stefan Großmann 1924

„Ich muss Ohren und Nase aufsperren vor dem, was sie da alles machen... Nein, das können wir nicht. Da packe ich neidlos ein.“ Peter Panter alias Der-Blaue- Vogel-Jäger alias Kurt Tucholsky

„Der Blaue Vogel ist das Herrlichste, was man hier in der Welt sehen kann!“ Else Lasker-Schüler

„Es ist kein Zufall, daß wir heute gerade die russische Kunst schätzen. Sie ist der Ausdruck einer tiefen Sehnsucht, für die wir in der westeuropäischen Kunst keinen Widerhall mehr finden. Sie spielen einen ganzen Abend mit fast keinem Wort in der Sprache des Landes, wo sie sich befinden und man versteht sie doch, von Grund auf, wie man selten glaubt, verstanden zu haben. ...Was ist aber dieses Merkwürdige, daß dieses kalte, verwöhnte Publikum der europäischen Zentralen seine innere Reserve aufgibt um hier mitzufühlen...?“ Ferdinand Haager 1924

Während des Kalten Krieges war die Verfilmung des „Blauen Vogels“ die einzige Kinokoproduktion zwischen den USA und der Sowjetunion. Für die Adaption von Maeterlincks Stück standen im Jahr 1975 amerikanische, britische und russische Mitwirkende – unter anderen Elisabeth Taylor, Jane Fonda und der Clown Oleg Popov – gemeinsam in der Sowjetunion vor und hinter der Kamera.